Startseite
Vorbemerkung
Unsere Zeit
Mein Leben
Publikationen
Stasiakte
Weltanschauung
Politik
17. Juni 1953
Die Wende 1989
Politisches Konzept
Fusion Bundesländer
Bundestagswahl 2013
Heimat
Gästebuch
Kontakt
Impressum
Kontakt-Formular

 

 

 

 

 

Der 17.Juni 1953

60 Jahre danach

 

Ende der zehnten Klasse, Otto von Guericke Oberschule Magdeburg, 17. Juni 1953.

Ein Morgen wie jeder andere. Mit der Straßenbahn Linie 3 fahre ich zum Bahnhof, gehe zu Fuß Richtung Brandenburger Straße.

Auf der rechten Seite, Richtung Elbe, nehme ich nur flüchtig die am 16. Januar 1945 durch Bomben beschädigten Gebäude des Stadtzentrums wahr, Zeugen einer einst prachtvollen Altstadt, es ist mein gewohnter alltäglicher Schulweg.

 

Die Eingänge des noch weitgehend erhaltenen Stadttheaters wurden aus Sicherungsgründen zugemauert. Verbotsschilder hatten neugierige Erwachsene ebenso wie uns Schüler nicht davon abhalten können, das Gebäude zu betreten.

 

Viele Magdeburger waren noch bis Mitte der fünfziger Jahre überzeugt, dass das Theater wieder hergestellt wird. Doch im Zuge der „Enttrümmerung“ sprengte man trotz des Widerspruchs zahlreicher Magdeburger auch diese Ruine, die finanziellen Mittel für die Erhaltung und Instandsetzung fehlten.

Es entstanden große freie Plätze, man konnte vom Bahnhof den Dom und fast bis zur Elbe sehen.

Schnell holte sich die Natur die Flächen zurück, die Bequemlichkeit der Menschen schaffte neue Wege, „Trampelpfade“, die entstehende Wildnis wurde nur nach und nach kultiviert.

Die Magdeburger gewöhnten sich an den freien Blick und das Grün im Zentrum.

 

Unmittelbar nach der  Wende entstehen auf den attraktiven Flächen Einkaufszentren, ein Kino mit Tiefgarage und Verwaltungsgebäude. Der freie Blick, die Natur im Zentrum sind Vergangenheit, die „freie Marktwirtschaft“ fordert ihren Tribut.

 

Von einer solchen Entwicklung konnte ich am Morgen des 17. Juni 1953 auf meinem Weg zur Schule  nicht einmal träumen.

 

Ich überquere die Kölner Straße, biege in die Brandenburger Straße ein, vorbei am „Grünen Baum“, damals eine Gaststätte mit leicht anrüchigem Ruf, erreiche ich die OvG.

Der Schulhof mit großen alten Bäumen wird an drei Seiten von einem U-förmigen Backsteingebäude eingeschlossen; der Mitteltrakt mit der großen Aula wurde durch Bomben beschädigt. Ihm gegenüber steht das separate Hausmeister- und Verwaltungsgebäude. Dort „residieren“ Minna Bertling, die untersetzte, resolute Hausmeisterin mit kräftiger Stimme und der dagegen blass wirkende, sehr auf Linientreue bedachte Direktor Schurig.

 

Hinter dem Eingang zum Schulhof treffe ich auswärtige Klassenkameraden. Sie kamen mit dem Zug, einige mit Linienbussen, aus Dörfern im Umkreis von 30 Kilometern, hatten im Keller bereits gefrühstückt.

 

Acht Uhr, die Schulklingel läutet zum Unterrichtsbeginn.  

In der zweiten Stunde haben wir Geschichte und Gegenwartskunde bei Herrn Strumpf.

 

Wenige Minuten vor der großen Pause polternde Schritte, erregte Rufe auf dem Flur, die Klassentür wird aufgerissen, mehrere Männer in Arbeitskleidung drängeln sich in den Klassenraum:

 

„Leute, für heute ist Schluss mit Schule, es wird gestreikt.

Raus auf den Schulhof, schließt euch den Demonstranten an“.

 

Wir sind sprachlos vor Staunen. Was hat das zu bedeuten?

 

Einige von uns stehen zögernd auf, Herr Strumpf will weiter unterrichten.

„Verlassen Sie bitte den Raum“, mit diesen Worten und einer deutlichen Armbewegung will er die Eindringlinge zur Tür hinaus schieben,

die Pausenklingel nimmt ihm die Entscheidung ab, wir stürmen auf den Schulhof.

 

An der Hoftür dichtes Gedränge, aufgeregte Stimmen „Was ist los? Streik? Was ist das? Warum, wofür?“  

Erste Informationen machen die Runde:

„Tausende Arbeiter aus den Großbetrieben sollen ihre Arbeitsplätze in den Betrieben verlassen haben, sind seit dem frühen Morgen auf den Straßen unterwegs. Sie wollen die ständige Normtreiberei beenden.

Schüler aus anderen Schulen haben sich bereits angeschlossen“.

 

Die Lehrer vor dem Verwaltungsgebäude scheinen verunsichert, tuscheln miteinander, reagieren ausweichend auf Fragen von Schülern.

 

Die Klingel beendet die Pause, doch keiner rührt sich vom Fleck. 

Herr Strumpf tritt vor und ruft: „Alle zurück in die Klassen, der Unterricht geht normal weiter“!

Niemand reagiert, die Lehrer werden nervös, unsicher, reden aufeinander ein, gestikulieren. 

Mir fällt auf: „Direktor Schurig ist nicht da. Warum spricht er nicht über den Schulfunk wie sonst bei allen wichtigen Ansagen der Schul- und FDJ- Leitung?

 

Nicht weit von uns entfernt ist das Tor Richtung Erzberger Straße, es steht offen.

Draußen strömen Menschen vorbei, am Tor diskutieren einige Leute aufgeregt miteinander.  

Ich blicke unsicher, fragend in die Runde.

Fünf Schüler meiner Klasse stehen in unmittelbarer Nähe, sie haben scheinbar die gleichen Gedanken, wir nicken und bewegen uns langsam auf das offene Tor zu, möglichst unauffällig.

 

Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sich andere Schüler anschließen.

In Tornähe beschleunigen wir unsere Schritte, plötzlich sind wir mitten drin in dem Strom von Menschen unterschiedlichen Alters.

 

Aus der Richtung des Gewerkschaftshauses dringen Tumult, laute Rufe, polternde Geräusche zu uns. Was da geschieht, können wir nicht erkennen. 

Wir „schwimmen“ mit dem Strom in Richtung Hasselbachplatz.  

Später erfuhren wir, dass es Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Funktionären gab, es kam zu Ausschreitungen.

Musikinstrumente, Akten und Einrichtungsgegenstände wurden aus dem Fenster geworfen.

 

Der Strom staut sich, die Kreuzung Wilhelmstraße, später Wilhelm-Pieck-Allee, ist blockiert, Straßenbahnen und Autos haben keine Chance. Uns ist mulmig zu Mute.

 

Einige meiner Klassenkameraden wohnen in Ottersleben, ich am Kristallpalast, wir haben also anfangs den gleichen Weg.  

Die allgemeine Nervosität steckt uns an, wir sind neugierig, was passiert.

 

Es ist keine normale Demonstration.

Männer und Frauen, Alt und Jung gehen völlig ungeordnet, die gesamte Breite von einer Häuserfront zur anderen nutzend, die meisten in Richtung Hasselbachplatz, wenige in entgegengesetzter Richtung. 

Wir laufen mit.

 

Am Hasselbachplatz treffen sich drei Züge. Sie kommen durch den Breiten Weg, aus der Sternstraße, und wir aus der Otto-von-Guericke Straße.

Der Hauptstrom driftet in die Hallesche Straße.

 

Es ist ein Geschiebe und Gedränge, doch Niemand beschwert sich oder rastet aus, bis dahin eine friedliche Demonstration. 

Ein Mann neben uns ruft seinen Kollegen zu: „Es geht zum Polizeipräsidium, sie wollen das Gefängnis öffnen“.

 

Der Zug gerät ins Stocken. Aus der Leipziger und Halberstädter Straße kommen Menschen entgegen, mit dem gleichen Ziel. 

Wir drängeln uns, so gut es geht, ganz langsam vorwärts. Die Erwachsenen nehmen Rücksicht auf uns.

 

Das Polizeipräsidium, heute Ministerium des Innern, ist erreicht.  

Auf der Böschung zum Bahndamm laufen zahlreiche Leute hin und her wie die Ameisen, werfen Steine Richtung Hof und Gebäude.  

Wenn ich heute Filmberichte aus Krisengebieten sehe, habe ich diese Bilder wieder vor Augen.

 

Erwachsene fragen ängstlich: „Wo ist die Volkspolizei, die Staatssicherheit?

Was machen die Russen“?

 

Plötzlich laute Rufe: „Die Russen sind unterwegs!“ „Wo, wie reagieren sie?“

„Sie greifen nicht ein“.

 

Warnende Rufe, mehr Stoßgebete: „Bleibt friedlich, provoziert die Russen nicht“.

 

Es beginnen „Absetzbewegungen“, freie Räume entstehen, wir können sehen, was in unserer Umgebung passiert, uns besser bewegen.

 

Nach der Wende las ich, dass es dort bereits Schießereien gegeben haben soll.  

Ich kann mich auch heute noch nicht daran erinnern.

Möglich, dass sie vom allgemeinen Lärm übertönt wurden, möglich auch, dass sie schon vorüber waren, als wir dort ankamen.

 

Und dann bilden die Menschen, wie von Geisterhand geschoben, eine Gasse.  

Ein gepanzerter Mannschaftswagen der Russen drängt sich durch, fährt bis zur Kinderklinik in der Halberstädter Straße, wendet, und bleibt dort stehen.

 

Unmittelbar danach hören wir aus Richtung Hasselbachplatz das scheppernde Geräusch rollender Panzer.

Sie kommen schnell näher, Angst macht sich breit. Wir drängen zur Seite.

 

Auf der Abzweigung Leipziger- / Halberstädter Straße drehen sie sich mit lautem Getöse, rasselnd, quietschend auf den Straßenbahnschinen im Kreis.

 

Das Heulen der Motoren, Scheppern der Ketten auf dem Pflaster habe ich noch heute in den Ohren.

 

Wir stehen auf der linken Straßenseite neben Bäckerei Mundt.

 

Nach zwei Drehungen auf der Stelle hält ein Panzer direkt auf uns zu.

Wir drängen uns in einen Hauseingang. Unmittelbar vor uns bleibt der Panzer auf dem Bürgersteig stehen.  

Der Schreck, Angst lähmt uns. Ich verspüre zum ersten Mal Todesangst, mache mich ganz klein, drückte mich in die Ecke der Türfüllung.

 

Wenige Minuten später, sie erscheinen uns wie eine Ewigkeit, setzt der Panzer zurück. Wir atmen tief durch.

 

„Die Russen haben vor der Kinderklinik ein Maschinengewehr in Stellung gebracht“ rufen sich Vorübereilende zu. 

Wir sind sehr neugierig, doch die Angst lässt uns Richtung Kristallpalast laufen, Gott sei Dank.

 

Am nächsten Tag kursieren „Gerüchte“, dass die Russen mit den Maschinengewehren nach der Ausgangssperre flach über die Straßen geschossen haben. 

 

Zu meinen Verwandten, bei denen ich seit gut einem Jahr zu Hause bin, brauchen wir nur zehn Minuten, die Straßen sind plötzlich wie leergefegt. 

Tante Guschi und Onkel Hans haben die Sprechstunde gerade beendet, mein Onkel war Arzt.

Sie atmen bei unserem Eintreffen befreit auf.  

Patienten hatten ihnen von der Demonstration und den Panzern der Russen erzählt.  

Wir berichten aufgeregt von unseren Erlebnissen.

 

Anschließend bringt mein Onkel die Klassenkameraden auf Umwegen mit dem Auto zu deren Eltern, erlöst auch sie von ihren Sorgen.

 

Wenig später wird durch Lautsprecherwagen eine Ausgangssperre verkündet.

 

Am nächsten Tag erzählen Patienten in die Sprechstunde, dass in der Helmholtzstraße, wir hätten es vom Balkon aus sehen können, ein Eisenbahner, der aus der Nachtschicht heimkam, kurz vor seiner Wohnung erschossen wurde. 

Er soll die Ausnahmegenehmigung von der Ausgangssperre in der Tasche gehabt haben.

 

Die Arbeiter müssen wieder in die Betriebe, es wird erzählt, dass sie an den folgenden Tagen zwar an den Werkbänken standen, aber nicht produktiv gearbeitet haben.

 

Einige Tage wird noch hinter vorgehaltener Hand über die Ereignisse getuschelt.

Die Zerstörung von Musikinstrumenten, Technik und Möbeln in gesellschaftlichen Einrichtungen wird allgemein bedauert. 

Details über Auseinandersetzungen und das Eingreifen der Russen werden nicht bekannt.

 

Die Lehrer gehen zur Tagesordnung über, kein Wort über die Geschehnisse, keine Erklärung, kein Kommentar.

 

Unter uns Freunden ist der 17. Juni noch lange Zeit Gesprächsstoff.

 

Zeitungen, die politische Propaganda machen den Klassenfeind verantwortlich, sprechen von geplanten, organisierten Provokationen.  

Andere Meinungen werden mit Strafandrohung unterdrückt.

 

Arbeitsnormen, deren ständige Erhöhung im Rahmen der Aktivistenbewegung „Adolf Hennecke“ von den Arbeitern als Anlass für den „Aufstand“ genannt wurde, sollten „überprüft“ werden.

 

Wie groß das Risiko, die Gefahr für uns damals tatsächlich war, was alles hätte passieren können, habe ich erst nach der Wende, durch Recherche im Internet begriffen.

 

Mögen die offiziellen Dokumente, deren Auswertung, auch widersprüchlich und möglicherweise tendenziell „gefärbt“ sein,

 

wir haben unendliches Glück, eine schützende Hand über uns gehabt.

 

In Berichten, beispielsweise unter http://www.17juni53.de wird das Geschehen des Tages so zusammengefasst:

„Magdeburg gehörte neben Berlin, Halle, Jena, Görlitz und Leipzig zu den Schwerpunktregionen des 17. Juni 1953.In den Morgenstunden erfasst die Streikbewegung sehr schnell das Ernst-Thälmann-Werk und weitere Magdeburger Großbetriebe. Gegen 9 Uhr hat sich schließlich ein bis zu 20.000 Menschen starker Protestzug formiert, der sich in Richtung Stadtgebiet bewegt. Zur gleichen Zeit sind noch weitere Demonstrationszüge unterwegs; eine überbetriebliche Koordination der Proteste ist nicht erkennbar.Gegen 11 Uhr vereinigen sich die verschiedenen Züge im Zentrum der Stadt. Die Bezirksleitungen der FDJ und SED werden besetzt, vorübergehend auch die Niederlassungen des FDGB und die Redaktion der regionalen Tageszeitung "Volksstimme": Akten, Mobiliar und Bilder fliegen aus den Fenstern auf die Straße. Demonstranten dringen in das Magdeburger Fernmeldeamt ein, aber eine gezielte Unterbrechung des Fernmeldeverkehrs kommt nicht zustande.Vor der Bezirksdirektion der Volkspolizei (BDVP) und der Haftanstalt des MfS im Magdeburger Stadtteil Sudenburg kommt es zu blutigen Auseinandersetzungen. Die Demonstranten versuchen, in diese Gebäude etwa zeitgleich gegen 11.30 Uhr einzudringen.

Bei der Haftanstalt der Staatssicherheit werden zunächst die vor dem Gebäude stehenden Wachposten gewaltsam entwaffnet. Mit den erbeuteten Waffen schießen Demonstranten in das Innere der Haftanstalt: Zwei Volkspolizisten und ein Angehöriger des Staatssicherheitsdienstes kommen dabei zu Tode. Die Befreiung der Gefangenen misslingt jedoch, weil in dieser Situation sowjetische Militäreinheiten eingreifen und von der Schusswaffe Gebrauch machen: drei Demonstranten werden getötet, unter ihnen ein 16jähriges Mädchen, das zufällig in die Demonstration geraten war; mehr als vierzig zum Teil schwerverletzte Demonstranten werden registriert.

 

Schon um 14 Uhr verhängt der sowjetische Militärkommandant von Magdeburg den Ausnahmezustand. Doch die Vielzahl der Schauplätze in der Stadt lassen die Wirkung der sowjetischen Militärpräsenz kurzzeitig verpuffen. Die Truppenstärke wird deshalb erhöht und gegen 16 Uhr geht das sowjetische Militär erneut gegen die Menschenansammlungen vor der Haftanstalt und der BDVP vor. Es dauerte zwei weitere Stunden, bis die Situation endgültig als "unter Kontrolle stehend" gemeldet wird.“

 

 

Dr.PvP privat
dr.pvp@drpvp.de